(...)
Sie lief in dem mit Zeitungen
und Büchern vollgestopften Appartement hin und her. Sie hatte Angst,
die Zimmer des unteren Stockwerks zu lüften. Sie vergewisserte sich,
ob der Schlüssel in der Aussentür zweimal herumgedreht war. Dann
liess sie ihn, sie liess ihn "trasversale" stecken. Mein Gott, sie begann
Albanisch zu vergessen, wie hiess das doch auf Albanisch? So hineingesteckt,
dass, würde man versuchen, die Tür von aussen zu öffnen,
es nicht gelänge, weil der Schlüssel so steckt. Wie hiess das
doch?
Die drei schriftlichen Eingaben,
die Yves an das zentrale Flüchtlingsamt in Bern gerichtet hatte, um
Klea, albanische Staatsangehörige, Flüchtling in der Schweiz,
auf eigene Kosten in seinem Haus aufnehmen zu können, wurden abgelehnt.
Sie wandten sich an einen der angesehensten Anwälte des Kantons. Der
Anwalt riet, einen weiteren Antrag zu stellen, den diesmal aber nicht Yves,
sondern sein Vater unterschreiben sollte, ein zurückgezogen lebender
Rechtsanwalt, politisch ebenso unabhängig und eigensinnig wie sein
Sohn. Vielleicht würde dessen berufliches Ansehen, liess der mächtige
Anwalt vernehmen, der Ruf des Rechtsanwaltes, und nicht der des Sohnes,
der Journalist war, dort oben in Bern irgendein Gefühl in Bewegung
setzen können.
"Und sonst?" getraute sich Yves zu fragen. Im luxuriösen Arbeitszimmer
war nur das leise Geräusch der Klimaanlage und das Tanzen der Computertasten
einer Sekretärin im Büro nebenan zu hören.
"Wenn es auch diesmal nichts wird, werde ich mich persönlich in Bern
einschalten. Die Aussichten sind aber nicht sehr gut. Ich bereite Sie schon
jetzt darauf vor. Die Vorschriften für derartige Fälle besagen,
dass ein Flüchtling nicht berechtigt ist, den Kanton zu wechseln,
dem er zugewiesen wurde."
"Aber das ist doch absurd."
Die blauen Augen waren ein wenig in Richtung Klea gewandert und schmaler
geworden.
"Sie. Das setzen Sie mir schriftlich auf, Ihre Gründe, einen Bericht,
ein Warum, eine Schilderung dessen, was Sie dazu gebracht hat, hierher
zu kommen, eine generelle Darstellung Ihres Landes. Schicken Sie mir das,
so schnell es geht."
Quer fiel Klea ein, oder diagonal. So hiess das auf Albanisch, das mit
dem Schlüssel, im Türschloss. Ihre Augen verrieten eine für
den Rechtsanwalt unverständliche Freude.
"Entschuldigen Sie, ich bin ausserstande, Ihre Sprache korrekt zu schreiben.
Wenn Sie meinen Bericht in Englisch akzeptieren würden, wäre
Ich Ihnen dankbar."
"In Ordnung. Kein Problem."
Sie sollte den schwierigsten Warum-Brief ihres Lebens schreiben. Niemand
und nichts konnte ihr dabei zu Hilfe kommen, ausser dem Schmerz einer gedemütigten
Nation, die sie mit einem verrückten, unüberlegten "wir setzen
uns ab, Yves" zurückgelassen hatte, ohne auch nur ein Photo ihres
Sohnes und Unterwäsche in die Handtasche gestopft zu haben. Sie war
geflohen, um sich zu retten, und hatte dabei gleichzeitig ihren Sohn begraben,
ein blondes Kind, dessen Traum es war, ein grosser Geiger zu werden… Oder
hatte sie sich mit dieser unbarmherzigen Entwurzelung selbst bestrafen
wollen, indem sie gewaltsam das Feuer erstickte, das in ihr brannte und
das ihr nur das Land dort geben konnte? War es vielleicht ein masochisticher
Akt gewesen, eine Rache an ihrem angeborenen Widerspruchsgeist? Oder war
ihr Egoismus durchgebrochen, ungezügelt, schandbar?
Der Geliebte sass ihr gegenüber, am grossen Küchentisch, von
dem der Berg Zeitungen teilweise abgeräumt war. Die ganze Nacht lang.
Er sass die ganze Zeit über schweigend da. Sie schrieb die Nacht durch,
Begeisterung im Blick und das Bild ihres Sohnes im wunden Hirn.
Einmal hob die Albanerin den Kopf und stiess auf die Verzweiflung des Schweizers.
"Du kannst mir nicht helfen, Yves. Dies ist mein Kampf, das weisst du doch.
Geh besser schlafen."
Er schüttelte den Kopf.
Sie schrieb von Frauen, die sich, um ihre Kinder vor dem Arbeitslager zu
bewahren, von ihren des Vaterlandsverrats bezichtigten Männern scheiden
lassen mussten. Sie schrieb von jemandem, den man vierzehnjährig ins
Gefängnis gesteckt hatte, 1950 war das gewesen, wegen eines Liebesgedichtes,
das er einer Klassenkameradin geschrieben hatte.
Er war noch immer im Gefängnis, des Vergehens der "bürgerlichen
Liebe" angeklagt. Dabei hatte er das Mädchen nicht ein einziges Mal
auch nur mit der Fingerspitze angerührt. Sie schrieb von kaputten
Familien, in denen der Mann seine Frau und diese wiederum die Kinder wegen
parteifeindlicher Parolen denunziert hatten, schrieb vom Hunger der Kinder
und von verbotenen Büchern, von der organisierten Kontrolle der Fernsehantennen
und von der Pflichtaufsätzen in der Schule "Die Kinder in Albanien
sind die Blüte des Lebens". Der schwindsüchtige Leichnam Albanien
lag über dem weissen Papier.
Zum Schluss schrieb sie, dass sie den Burschen, der ihr gegenüber
sass, zum Verrücktwerden liebte, dass sie sich zum ersten Mal im Leben
frei fühlte, zu lieben, ohne sich wie eine Hure vorzukommen. Yves
hatte ihr mit einer Kopfbewegung bedeutet, den persönlichen Teil zu
streichen, Bern war für den privaten Teil unempfänglich. Ihr
kam das unfassbar vor, doch hatte sie dieses Gespräch dann auf später
verschoben, die Augen fielen ihr zu. Um sechs Uhr in der Frühe war
sie fertig.
Um elf Uhr lag der Brief angstbeklommen auf dem Schreibtisch des Anwalts.
(...)
(ein Fragment aus Dashuri
e huaj,
aus dem Albanischen von
Hans-Joachim
Lanksch) |