Hans-Joachim Lanksch
über Elvira Dones:

"Die Prosa von Elvira Dones zählt zu den bedeutendsten Stimmen der gegenwärtigen albanischen Literatur. Sie konfrontiert den Leser mit einem Realismus der Wahrhaftigkeit, in dem sich bittere Wahrheiten der albanischen Realität widerspiegeln – ungewohnt nach der jahrzehntelangen Entstellung von Kunst und Wahrheit durch den »Sozialistischen Realismus«, der weder sozialistisch noch realistisch war. 
Elvira Dones’ Werke stoßen auf breite Zustimmung bei ihren Lesern und zugleich auf Ablehnung und Unverständnis bei einem Teil der Rezensenten. Daß Elvira Dones in der albanischen Öffentlichkeit nicht bei jedermann auf Zustimmung stößt, ist zumindest nachvollziehbar. So bedient ihr Werk keineswegs die Erwartungen einer durch den »Sozialistischen Realismus« geschulten Leserschaft, welche die gnadenlose Beschönigung der Gegenwart und die Idealisierung der historischen Vergangenheit gewohnt war. Elvira Dones serviert dem Leser weder Idyllen glücklicher, wunderbarer Zeitgenossen noch mythische Gloriolen unsagbar tapferer und kühner Heroen der Vergangenheit. Sie versagt sich und dem Leser das in der kommunistischen und durchaus auch noch in der postkommunistischen Ära beliebte Baden in sentimentalem Nationalismus. Sie betreibt keinen thematischen Eskapismus zur Befriedigung des Nachholbedarfs mancher Albaner an sogenannter Esoterik, sie befaßt sich in ihren Erzählungen und Romanen nicht mit dem Enthüllen und Anklagen von Greueln der stalinistischen Diktatur, sie tut das Schlimmste, was sie einem großen kommerziellen Erfolg ihrer Bücher in den Weg legen kann – sie macht den Scherbenhaufen der kommunistischen und postkommunistischen Zeit sichtbar, indem sie den Finger in die schmerzhaften Wunden der Gegenwart legt. Keine Flucht ins »Es war einmal«, es geht unerbittlich ums bittere Hier und Jetzt. Wir stoßen hier weder auf grandiose Helden von einst noch auf zufriedene Arbeiter und Bauern des roten Paradieses von gestern noch auf selbstzufriedene Transitionalisten. Die »Helden« in Elvira Dones’ erzählerischem Werk sind Antihelden. Es sind Strauchelnde und Gestrauchelte – frustrierte Emigranten, die zwischen zwei Welten leben, Drogensüchtige, Dealer, Zuhälter, Mädchenhändler, Prostituierte und andere, von denen man am liebsten nichts wissen will.


Stilistisch begibt sich Elvira Dones nicht in Moden oder Eskapaden. Ihre Prosa brüllt, stammelt, rülpst nicht ... Mit sicherer Feder weiß sie zu erzählen. Sie beobachtet Menschen und Dinge mikroskopisch scharf und bringt ihre Wahrnehmungen mit der Trockenheit eines Kameraobjektivs zu Papier. Der Schmerz der Beobachterin entlädt sich nur an wohldosiert wenigen exponierten Stellen des Erzählstrangs in einem einzigen Satz oder einigen wenigen Worten, deren lakonische Kürze der Implosion akkumulierter Emotionen umgekehrt proportional entgegensteht. Die Zäsuren im Erzählstrang erinnern an Schnitte im Film, der Leser liest nicht nur über Personen, Bilder, Szenen, sondern er bekommt sie vor Augen geführt, er »sieht« sie.


(Hans-Joachim Lanksch). 

 

 
 
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